Videobasierte Methode

Bei der videobasierten Methode muss zwischen zwei Projektphasen unterschieden werden. In der ersten Projektphase entwickelten die befragten Personen Filmideen und setzten sie um, in der zweiten Phase wurden die zehn Videoportraits weiteren Quartierbewohner/innen gezeigt und mit ihnen im Rahmen von Interviews diskutiert.

 

1. Phase: Entwicklung und Umsetzung der Filmidee

 Das „Filmprojekt“, also die Absicht, einen öffentlichen Film über das Quartier zu machen, animierte die portraitierten Quartierbewohner/innen zu einer intensiven Auseinandersetzung mit sich und dem Quartier. In allen Fällen konnte beobachtet werden, wie durch die Filmproduktion Themen, mit denen sich die Betroffenen im Rahmen der Gespräche bereits intensiv auseinandergesetzt hatten, neu beleuchtet, kritischer betrachtet und differenzierter reflektiert wurden. So gab es Teilnehmende, die durch diesen Prozess intensiv über ihr Leben und ihre Rolle im Quartier zu reflektieren begannen. Andere stellten gewisse Themen, zu denen sie zuvor eine klare Haltung hatten, mit Beginn der Kamerapräsenz differenzierter und teilweise völlig neu dar. Ein weiteres Beispiel sind Portraitierte, deren Beteiligung am Projekt durch die Kamerapräsenz markant zunahm und die dadurch ihrer Stimme ein zusätzliches Bild verliehen. Die videobasierte Methode förderte also den Reflexionsprozess und die Partizipation der Befragten und wirkte als eine Art „Dosenöffner“. Diese Dosenöffner-Funktion ist deshalb ein Vorteil, weil sie einen Blick in die Tiefe ermöglicht und Aushandlungsprozesse der Befragten berücksichtigt. Ausserdem bietet sie der Praxis die Möglichkeit, in Bedarfsanalysen und anderen Projekten Personen einzubeziehen, denen nicht bereits ein „Expertenstatus“ zugeschrieben wird und deren Meinungen und Ansichten sonst nur schwer zu erkunden sind.

Ausserdem lässt der Einsatz einer Kamera, die einen Film für die Öffentlichkeit aufnimmt, auf virtuelle Weise die Öffentlichkeit über das Projekt „hereinbrechen“: Die Befragten (d.h. die Gefilmten) denken in ihren Darstellungen die Öffentlichkeit mit. So wurde beispielsweise durch das explizite Ausblenden von Meinungen aus den Filmaufnahmen der grosse Anpassungsdruck sichtbar, den einige befragte Personen erleben. Oder es wurde deutlich, dass der Diskurs über das Quartier ein Thema ist, welches die Mehrheit der Portraitierten beschäftigt: Sie setzten den Film ausdrücklich als Gegenkraft zu dominanten Diskursen ein, entweder gegen das „Schönreden“ oder gegen das „Kaputtreden“ des Quartiers. Ebenfalls sichtbar wurden aufgrund der „virtuellen Präsenz“ der Öffentlichkeit die unterschiedlichen Grenzziehungen zwischen privatem und öffentlichem Raum durch die Befragten; in einem Fall wurde durch den Einsatz der Kamera die integrative Bedeutung von halb-öffentlichen Räumen aufgrund ihrer Schutzfunktion ganz besonders deutlich. In dem Sinne ist die videobasierte Methode vor allem dann ein viel versprechender Ansatz, wenn diese sich mit Wahrnehmungs- und Deutungsmustern respektiv mit vorherrschenden Diskursen auseinandersetzt.

 

2. Phase: Betrachten und Diskussion der Filme
Die Einzelvorführungen der Portraits bei weiteren Personen, die im Matthäus und St. Johann leben, regten zur Reflexion über das Quartier und seine Bedeutung an. Viele empfanden es als einfach, über das Quartier zu sprechen, weil sie andere hörten und durch die Bilder zum Nachdenken und Mitfühlen angeregt wurden. Das anschliessende Gespräch über den Film bot in gewissen Fällen die Möglichkeit, über eigene Erfahrungen zu berichten, ohne sich vollständig „outen“ zu müssen. Zudem war es häufig das Spannungsverhältnis zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung, was die Personen zum Erzählen motivierte. Ein Quartierbewohner beschrieb dies folgendermassen: „Bis jetzt habe ich nicht viel darüber nachgedacht, aber jetzt kann ich es auch fühlen.“ Die Filme von Quartierbewohner/innen aus der unmittelbaren Umgebung verschafften den Zuschauenden ganz offensichtlich einen emotionalen Zugang zu bestimmten Themen, welche dadurch in den anschliessenden Gesprächen sehr rasch wieder aufgegriffen und besonders tiefgreifend behandelt wurden.

Die wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis aus den zahlreichen Einzelvorführungen der Videoportraits ist, dass das Interesse der Quartierbewohner/innen an den „kleinen Dingen“ äusserst gross ist: Die grosse Mehrheit reagierte sehr stark auf die persönliche Lebenswelt der Portraitierten. Der persönliche Bezug in den Filmen löste Empathie mit und Interesse an den Mitbewohner/innen des Quartiers aus; er bot ihnen einen Einblick in sonst verborgene Welten und ermöglichte es, eine portraitierte Person näher kennen zu lernen, als dies im Alltag oft möglich ist, ja vielleicht sogar Parallelen zu sich selbst zu entdecken. Die Erfahrung, anderen Mitbewohner/innen des Quartiers zuzuhören, mit denen es sonst kaum einen Austausch gibt, beschrieb der Grossteil der Zuschauer/innen als sehr positiv. In dieser grundsätzlichen Bereitschaft, andere Lebenswelten kennen zu lernen und dabei sogar eigene Vorurteile zu erkennen und zu überwinden, könnte ein grosses Potential für Massnahmen im Bereich der Sensibilisierung, des Austauschs und der Aufklärung liegen.

Ein weiteres wichtiges Ergebnis aus den Einzelpräsentationen der Videoportraits ist, dass  die tatsächlichen Schwierigkeiten in den betroffenen Quartieren für die Bewohner/innen das kleinere Problem zu sein scheinen als die Art und Weise, wie in der Öffentlichkeit über diese Quartiere gesprochen wird. Insbesondere Zuschauer/innen, die sich mit dem Quartier sehr verbunden fühlen, beklagten sich darüber, dass das Quartier entweder „schöngeredet“ oder „kaputtgeredet“ werde; differenzierte und kritische Haltungen, welche der Realität eher entsprechen, seien in der Öffentlichkeit zu wenig vorhanden. Dabei sei es doch gerade ein Merkmal dieser beiden Quartiere, dass Gutes und Schlechtes zum Alltag gehörten, dass Offenheit und Abgrenzung Teil des Quartierlebens seien und Verbindendes und Trennendes zwischen den Quartierbewohner/innen existierten. In den Augen vieler Befragten wird aber in der öffentlichen Diskussion über die beiden Quartiere stark polarisiert und dadurch ein offener und differenzierter Meinungsaustausch zu bestimmten Themen verunmöglicht. Die Einzelpräsentationen bei den Befragten brachten somit das Unbehagen gegenüber vorherrschenden Meinungen zum Ausdruck, welche als „Schönreden“ oder „Kaputtreden“ wahrgenommen werden. Die befragten Bewohner/innen äusserten das Bedürfnis nach einer öffentlichen Auseinandersetzung mit ihren Quartieren, in welcher bestehende Sorgen ernst genommen und gleichzeitig Widersprüche und Probleme zugelassen werden. In diesem Zusammenhang kann der partizipative Einbezug der Quartierbevölkerung (nicht von Schlüsselpersonen!) in Bedarfsanalysen nicht nur als wichtige Aufgabe, sondern auch als eine grosse Chance für die Stadtplanung betrachtet werden.